Nachdem die Blitzmeldung vom Ausstieg von ARD und ZDF aus der Live-Berichterstattung von der Tour de France gestern für Furore in der Öffentlichkeit sorgte, sieht man auch aus der Blogosphäre die Kritik einprasseln. Zuerst die gekürzte Nachrichtensituation von Sat.1 und dann die Kerbe, die durch die ARD und das ZDF geschnitten wurde – um nur einige zu nennen, die mir aufgefallen sind: Visualblog, Indiskretion Ehrensache, Dimension 2k, alltagskalkophonie, Notizblog, Popkulturjunkie oder Juber haben sich durch entsprechende Berichterstattung um dieses spannende Medienthema in Szene gesetzt.

Letztendlich sehe ich es so: Es ist absolut perfekte PR für die ARD und das ZDF. Der Anfang machte im Prinzip die Konkurrenz – mit dem Wegfall der Nachrichten bei Sat.1 rückten die öffentlich-rechtlichen Sender als journalistische Leitmedien für die deutsche Fernsehlandschaft in den Mittelpunkt. Die immer neuen Doping-Skandale rund um den Radsport brachte zusätzliche Aufmerksamkeit für die berichtenden Medien, auch wenn man sich davon distanzierte. Das Lamentieren um die knappe 1 Million Euro Verlustgeschäft bei einer Senderfamilie, die sich über Gebühren im Milliardenbereich finanziert, hörte sich ebenfalls absolut wichtig an, da die Sponsoren ausblieben und die Tour nicht gänzlich für die Sender tragbar war. Der gestrige Ausstieg von ARD und ZDF, der pressetechnisch zu einer guten Zeit und mit der nötigen Kürze und Würze bekannt wurde, war letztendlich der Paukenschlag auf dem Gipfel jeglicher Aufregung. Auch der Live Stream war weggebombt.

Doch es ist ja nur vorerst. Ich tippe, dass spätestens am Wochenende die Berichterstattung mit einem neuen medialen Paukenschlag wieder aufgenommen wird. Warum ich so optimistisch bin ist einfach erklärt: Die ARD und das ZDF sind volksnahe Medien, die der Öffentlichkeit per Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet sind. Das Interesse ist groß an dem medialen Spektakel namens Tour de Doping Tour de France, und als Sender kann man sich dem nicht verwehren.

12 Kommentare
  1. Stefan Evertz sagte:

    Ich gehe nicht davon aus, dass ARD und ZDF die Live-Berichterstattung wieder aufnehmen werden. Die Argumentation der Sender war ja bisher, dass die Übertragungen „vorläufig“ ausgesetzt werden, bis der „Fall Sinkewitz“ aufgeklärt ist. Selbst wenn dies noch während der laufenden Tour passieren sollte – bei dem anzunehmenden Ergebnis (bewiesenes Doping) werden sie erst recht nicht wieder in die Live-Übertragung einsteigen können.

    Wesentlich spannender scheint mir da die Frage zu sein, wie man bei den Sendern grundsätzlich mit diesem Thema umgehen will. Die Übertragung der olympischen Spiele z.B. kann man so direkt unterlassen – so weit ich mich erinnern kann, gab es da noch jedes Mal einen oder mehrere Doping-Fälle…

  2. Basti sagte:

    Man sollte allerdings auch nicht die Einschaltquoten vergessen: An den ersten beiden Tagen blieben diese deutlich unter der 10-Prozent-Marke. Im vergangenem Jahr waren es durchschnittlich 16%.

    Letztendlich sind diese ja auch mitverantwortlich für die anstehenden Werbeeinnahmen der Sender. Bei der Tour 2006 mussten ARD und ZDF diese durch die Suspendierung von Jan Ullrich und anderer Fahrer deutlich nach unten korrigieren. Der aktuelle Doping-Fall dürfte ähnliche Auswirkungen haben. Zudem hatten ARD und ZDF schon im Vorfeld der Tour angesichts der Doping-Geständnissen div. Profis erwogen, von der umfangreichen Berichterstattung Abstand zu nehmen.

    Volksnahe Medien hin oder her. Trotz GEZ sind ARD und ZDF nicht unabhängig von Werbeeinnahmen. Bei einer Berichterstattungsdauer von 89 Stunden und Preisen zwischen 6.200 und 17.400 Euro pro 30-Sekunden-Spot kommt ganz schon was zusammen … oder sollte es zumindest, damit die entsprechenden Kosten gedeckt sind.

    Ich denke, das die Tour für ARD und ZDF dieses Jahr gestorben ist und wenn ich falsch liege, freut´s mich für die ganzen Radsportbegeisterten.

    @Stefan
    Was die Übertragung der olympischen Spiele angeht, da hast du recht, allerdings ist es glaube ich ein Unterschied, ob nun ein deutscher Sportler überführt wird oder nicht. Ist es jemand aus einem andere Land, wächst ja eher noch die Sympathie mit unseren Sportlern und somit auch die Quoten … würde ich mal so annehmen :)

  3. Stefan Evertz sagte:

    @Basti: Den Unterschied zwischen Doping von deutschen und „nichtdeutschen“ Sportlern werden uns ARD und ZDF dann wohl noch erklären (müssen). Ich höre gerade in den letzten Tagen nur die Phrase vom „sauberen Sport“ – und nichts von Nationalitäten.

    Und was die GEZ-Gebühren angeht: Wenn ohnehin absehbar ist, dass die Live-Berichterstattung nicht wieder aufgenommen wird, könnten ja auch all die Mitarbeiter und Gerätschaften wieder nach Deutschland geschafft werden. Wie ich die Öffentlich-Rechtlichen kenne, sitzen stattdessen alle in ihren Hotels (für unsere GEZ-Gebühren) und warten, ob sich doch noch etwas tut. Aber das ist ein anderes Thema…

  4. Markus .. ein Morgenlandfahrer sagte:

    @Basti Da bist Du mir zuvor gekommen mit Deinen Worten ;). Ich möchte Deine Worte und Eindrücke unterstreichen. Zudem könnte man sich nun lange unterhalten, wie man den Kampf gegen Doping am besten unterstützen kann. Bleibt man dabei und weicht somit zurück vor den Leuten, die einen Sport in den Dreck ziehen wollen oder verlässt man die Szene? Eine andere Fragestellung: Verlässt man die Szene und überlässt sie den falschen Leuten?

    Meiner Meinung nach dient das Thema nicht für schwarzweiß Malerei. Natürlich kommen einem auch schnell die markanten Sprüche abhanden, wenn man sich mit einem solch komplexen Thema auseinander setzt. Ich selber bin immer wieder hin- und hergerissen zwischen Wut (über immer neue Vorfälle) und der Erkenntnis, dass man Praktiken, die sich über Jahrzehnte ergeben haben und die gelebt (und anerkannt) wurden, dass man solche Verhaltensweisen doch nicht damit verändert, dass man ein Stück Papier unterzeichnet (Ehrenkodex etcpp.). Wer Veränderungen will, muss sich klar machen, dass dies einen langen Atem braucht. Man muss auch auf Rückschläge gefasst sein und darf sich – meiner Meinung nach – nicht ins Boxhorn jagen lassen. Alles andere spielt den falschen Leuten in die Hände .. leider.

  5. Basti sagte:

    @Stefan
    ich denke da z.B. ans Schwimmen. Wir erinnern uns doch noch alle an die letzte sichtbaren Dopingwelle in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, an der vor allem die Chinesen beteiligt (anders kann ich mir die „Schränke“ von Schwimmerinnen nicht erklären).

    Unsere deutschen Schwimmerinnen wirkten dagegen klein und zierlich, was Ihnen auf jeden Fall viel Sympathie eingebracht hat.

    Aber du hast schon recht, Doping ist kein nationales, sondern ein internationales Problem, was ich allerdings noch nicht bestreiten wollte :)

  6. Paulchen sagte:

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ARD und ZDF dieses Jahr die Übertragung der Tour wieder aufnehmen werden. Evtl. nächstes Jahr wieder. Außerdem hat ja nun Sat 1 die Live-Übertragung übernommen soweit ich das mitbekommen habe. Finde es außerdem gut, dass ARD und ZDF die Übertragungen eingestellt haben.

    Grüße

  7. Michael sagte:

    Interessant wird noch, wie die Debatte über Rasmussen weitergeht. Wird er gewinnen, überführt werden, beides oder ist er unschuldig? Wenn noch ein Toursieger im Verdacht des Dopings stehen sollte, könnte das den Radsport ernsthaft schädigen.

  8. Michael sagte:

    Neues von der Tour: Winokurow positiv getestet; Team Astana steigt aus (Quellen: Reuters, FAZ, Spiegel, Süddeutsche)

  9. Michael sagte:

    Ich war aber schneller ;-) Wobei du aber sicher länger geschrieben hast… Machen wir doch ein unentschieden draus!?

    Wobei… „schneller“, woran erinnert mich das? An Doping natürlich! Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte darüber lachen.

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  1. VisualBlog - das VisualOrgasm-Weblog sagt:

    Tour de France: andere Sender nutzen die Chance…

    Nachdem ARD und ZDF aus der Berichterstattung zur Tour de France ausgestiegen waren, gab es heiße Diskussionen darüber. So auch hier im VisualBlog. Interessant fand ich aber auch die Worte von Mike Schnoor, der anmerkte: “Letztendlich sehe ich …

  2. […] gut hinkommen. Ein (voräufiger?) Schlag ins Gesicht der Tourleitung, Sportler und Sponsoren ist es allemal. Zu Beginn der Tour war […]

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