Der kreative Kopf der Werbeagentur Jung von Matt plaudert aus seinem Nähkästchen über die jüngsten (und älteren) Reaktionen zur Mutmachkampagne Du bist Deutschland. Dafür zeigt Jens Scholz für alle die reine Wahrheit und publizierte diese schönen Worte in seinem eigenen Blog, woraus ich entsprechende Passagen kommentieren möchte.

Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man sich für ein Geschenk bedankt, selbst wenn man damit nichts anfangen kann. Wie Recht sie hatte, ist mir gerade wieder klar geworden.

Wie schön, dass ihre Mutter so tugendhaft war. Jedoch bezweifel ich, dass ein Geschenk jemand erfreut, wenn er/sie es noch nicht einmal haben möchte. Aber schaun wir doch mal, ob ein Geschenk auch ein Geschenk ist wie eine ungewollte Kampagne. Hat das nicht schon Tendenzen einer Propaganda?

Vor zwei Wochen startete „Du bist Deutschland“, die größte gemeinnützige Kampagne aller Zeiten und ein riesiges Geschenk.

Ein Geschenk von einer gemeinnützigen Art, wie die DbD Kampagne beschrieben wird, sehe ich in keinster Weise durch die Kampagne repräsentiert. Gemeinnützig bedeutet nicht, Unsummen für die Bewerbung einer „Mutmachkampagne“ zu vergeuden. Diese hätten bedürftige karikative Einrichtungen wesentlich besser gebrauchen können, als Karl-Otto, der abends vor der Flimmerkiste mit dem Bier auf dem Bauch stöhnt und sich einen Pfurz darum schert, was die Prominenten alles für muntere Sprüche drauf haben. Diese unmotivierten Zuschauer scheren sich nämlich nicht um irgendwas gemeinnütziges, sondern sind nur um ihr eigenes Ego befunden.

Die großen Verlage haben Zeit und Raum im Wert von 35 Millionen Euro geschenkt. 30 Promis der ersten Liga haben Zeit und ihr Gesicht geschenkt. Wir und kempertrautmann haben Zeit und Herzblut geschenkt.

Mit 35 Millionen Euro kann man Kindergartenplätze finanzieren, die Armut bekämpfen und Menschen glücklich machen. Die Prominenten dieser ersten Liga helfen sicherlich auch für die eine oder andere Organisation, aber für 35 Millionen Euro reißen sich doch die Organisationen ein Bein aus, um an diese Summen zu kommen, die in findigen Werbeetats verschlammen oder in der aufwendigen Schönheitsoperation einbetonniert werden wie schon allein der Produktion der Werbespots und -anzeigen.

Das Ziel: Die Miesepetrigkeit bekämpfen.

Guter Ansatz, jedoch ist die Miesepetrigkeit ebenso in den Köpfen derjenigen verankert, die zur Kampagne beisteuern – die Unternehmen, die Politik und die Gesichter selbst. Warum will mir ein Prominenter erzählen, wie und wo ein Schmetterling rumfliegt und wie das ganze mein eigenes Potential maximieren soll?

Der Dank: Miesepetrigkeit. Glücklicherweise nur von den Gruppen, von denen man nichts besseres erwarten konnte:

Die Gruppen sind dein Deutschland. Bist Du Deutschland? Nein.

1. Von den Werbekollegen, die sich in den Branchenblättern eifrig zu Wort meldeten. Viele von ihnen finden die Kampagne nutzlos, „weil Werbung doch nicht das gegeignete Mittel sein kann, eine Nation wirtschaftlich wieder nach vorn zu bringen“. Nicht gut, wenn unsere Branche selber nicht mehr an die Kraft von Kommunikation glaubt.

Klappe zu und Maul halten. Das nennt sich Meinungsvielfalt, und sicherlich ist die Meinung der Werbekollegen genauso wichtig wie deine eigene. Frag doch deine Mutter, ob es höflich ist, sich nicht für kreative Kritik zu bedanken, oder die dann einfach mit der Pfui-Bah Kelle niederzuschlagen?

2. Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)

Gern geschehen, und unsere Toilette ist sauber. Meinungsvielfalt spricht doch für sich, oder sind die Du bist Deutschland Spots für den „Volksempfänger“ gedacht? Eine Meinung, eine soll es geben – die meine natürlich? Kennen Sie eigentlich den Artikel 5 des Grundgesetzes? Er lautet wie folgt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (siehe Lawblog) Wo kommen sie eigentlich her? Oder hatte ihre Mutter bei all dem tugendhaften Benimmlehren die Diktatorische Konditionierung angewandt?

3. Von den intellektuellen Journalisten von FAZ bis TAZ, die ihre Meinung zwar insofern gefragt absondern als sie eine nachweisbare Leserschaft haben, aber: „Den Höhepunkt an Zynismus gewinnt die Kampagne aber in dem Fernsehspot, der Schwule und Behinderte auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals versammelt“ (Die Zeit).

Siehe oben. Journalisten sind doch die vierte Macht im Staate. Warum erkennen sie dieses Machtverhältnis nicht an? Neben der Meinungsfreiheit kennen wir in Deutschland auch die Pressefreiheit. Wozu aber das ganze? Warum nicht die Mattigkeit statt allem anderen? Das ist ganz bestimmt Deutschland, oder nicht?!

Blöd, wenn man soviel Kopf hat, dass einem jedes Bauchgefühl verloren gegangen ist.

Blöd, wenn man so wenig Hirnschmalz einsetzt und eine solche E-Mail verfasst!

Übrigens: Sebastian Turner findet die Kampagne einfach nur falsch.

Meinungsfreiheit – ein Garrant für Artenvielfalt. Sind nicht auch die Käfer berechtigt unter der Sonne zu leben?

Falsch, was ist das? Auch nach dem 50. Mal gucken, bin ich von dem TV-Spot immer noch berührt bis ergriffen – obwohl ich nicht einmal Deutschland bin.

Ich gratuliere ihnen zu diesen Gefühlen. Es berührt mich auch – besonders weil ich das ganze Geld in andere Aktivitäten gesteckt hätte. Freuen sie sich über das Ausmaß der Wogen, die diese Kampagne beispielslos in der Presselandschaft und an den Klowänden geschlagen hat.

Kann das falsch sein?
Euer Jean-Remy

Falsch, was ist das? Meinungsfreiheit und Kritik. Das ist anscheinend falsch. Danke, für deine Meinung, lieber Jean-Remy.
Dein Mike

Mehr zum Ganzen gibt es bei Thomas Knüwer, Werbeblogger, Schnuckilein, Realize Me, Nerdcore, Rebellen und ganz viel mehr bei Technorati! Sehr interessant ist auch die Abmahnung und der Versuch des Verbots von www.wieder-deutschland.de. Meinungsfreiheit? Das ist nicht Deutschland…

6 Kommentare

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Das Thema der “Klowände des Internets“, was sich aus die Äußerungen des kreativen Schöpfers Jean-Remy von Matt über die Kritik an der “Du bist Deutschland” Kampagne uferte, ist nun in den traditionellen Medien angekommen. Spiegel Online berichte über “Die virale Kraft der Blogosphäre“, Mario Sixtus schrieb in der Frankfurter Rundschau über die “Post vom Werbeguru“, der Standard äußerte sich zu dem “Tiefstand der Meinungsbildung“. […]

  2. www.meinungsmacherblog.de » Blog Archive » Klowand als Krise oder als Chance zur Professionalisierung? sagt:

    […] Ärgerlich, dass diese Mail nach außen drang und zunächst vom Blogger Jens Scholz veröffentlicht wurde und kurz darauf unter anderem vom bekannteren Blog Sichelputzer genüsslich und dialektisch auseinander genommen wurde. […]

  3. […] Jean-Remy von Matt äußerte sich bei mehreren Blog Autoren mit der E-Mail, die Thomas Knüwer in Indiskretion Ehrensache veröffentlicht hat. Ich kann die ganze Situation um die E-Mail vom Mitbegründer der Werbeagentur Jung von Matt jedoch gut verstehen, zumal die “Du bist Deutschland” Kampagne fast generell auf Ablehnung in der Bevölkerung stieß. Wer wäre da nicht verärgert und schreibt eine entsprechende Mail an seine Mitarbeiter? Hut ab also für die Antwort nach dem Wochenende. […]

  4. Pottblog sagt:

    Die einzig wahre Klowand – in Sachen “Du bist Deutschland”

    Die Kampagne Du bist Deutschland scheint in den letzten Zügen zu liegen – jedenfalls sieht man kaum noch Werbung im Fernsehen dafür. Die 35 Millionen € für Werbeplätze scheinen schon verpulvert zu sein… dafür gibt es immer mehr selbst er…

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