Digitale Arbeitgeber: Was ist wirklich dran am Mythos Fachkräftemangel?

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Das sollte Personalentscheider, Verbandsvertreter und ihre Pressesprecher jetzt eigentlich wachrütteln: Es gibt keinen Fachkräftemangel in der digitalen Wirtschaft. Die Wahrheit ist viel einfacher – die Digitalbranche verkümmert selbst an der ewigen Nörgelei über die nicht auffindbaren Mitarbeiter, das fehlende Personal und die schlecht qualifizierten Bewerber.

Entgegen dem Lamentieren der Branche, allen eigenen Umfragen zum Trotz: Die Ausbildung ist gut und modern, die potenziellen Mitarbeiter weisen digitale Expertise vor, die Bewerber wissen mehr und verstehen vieles besser als manch eingesessene Hasen in Führungspositionen. Sie alle wollen Dinge anpacken und verändern. Nur die Unternehmen schaffen den Anschluss an die digitale Ära, wenn überhaupt, nur im Ansatz ihrer Digital Business Transformation. Aber nicht beim so wichtigen Personalmarketing und auch nicht beim Employer Branding, genauso wenig wie als digital agierende Arbeitgebermarke.

Das Problem des ominösen Fachkräftemangels liegt darin, dass Unternehmen der Digitalwirtschaft und die gesuchten Bewerber partout nicht zusammenfinden wollen. Liegt etwa der Grund für den vermeintlichen Fachkräftemangel in einer ganz anderen Schublade versteckt?

Klar, wirklich gute Mitarbeiter waren schon immer rar gesät. Das ist eine generelle Herausforderung am Arbeitsmarkt, schließlich entspricht der Wunschkandidat nur selten zu 100 Prozent dem Stellenprofil. Und wenn doch, liegt der Preis umso höher. Dies wird auch in Zukunft so bleiben, egal in welcher Branche, egal ob digital oder nicht. Die Bewerber springen den Unternehmen einfach nicht mehr sofort in die Arme, wenn ein Job ausgeschrieben wird. Wie man es dreht und wendet – nicht mehr jeder Wunschkandidat rennt einem Unternehmen mit offenen Stellen die Türen ein. Oder anders herum: die Bewerbermassen überrennen das Unternehmen, überfordern die Personalentscheider und Recruiter, so dass kaum jemand mit einem nur noch 90-prozentig erfüllten Profil eingeladen wird.

Einige Entwicklungen tragen dazu bei. Weil „PR und SEO-Management“ eben nicht von einer Person geleistet werden sollten, „Marketing-Manager und Redakteur“ teils gegensätzliche Ziele anstreben müssen, „Mediaplaner, AdTech- und Vermarktungs-Specialist“ schwer zugänglich ist, der „Digital Lead Strategist“ oder „Social Media Manager“ mehr Freiheiten brauchen als es Unternehmen ein- und ihnen zugestehen wollen.

Für digitale Denker kommen zudem manche Junior-Positionen höchst ungerne in die Auswahl. Dort fehlt meist die Verantwortung, sie können keine kreative Gestaltungsräume schaffen. Zudem sind die Gehälter in der Digitalbranche vornehmlich auf solchen unteren Rängen nur unter Schmerzen zu verdauen. Generell zahlt die Digitalbranche im Vergleich zu anderen etablierten Branchen einfach nur mies, sobald es sich nicht um einen höheren Hierarchieposten handelt. Den Stellenwert des „Senior Irgendwas“ wiederum müssen sich selbst qualifizierte Mitarbeiter mit mindestens einer Dekade an Erfahrung, idealerweise in Leitungs- und Führungspositionen erarbeiten, um dann doch von einem anderen Kandidaten für ein um 20.000 Euro geringeres Jahresgehalt ausgestochen zu werden.

Weil in der Digitalbranche in Deutschland eben gerne gespart wird. Diese Kandidaten mit Sparpotenzial können sich dann wiederum doch nicht beweisen und überhaupt etwas in den Unternehmen verändern, weil ihnen die Lebenserfahrung fehlt und die Unternehmen doch keinen richtigen Wandel hin zur Digitalisierung durchleben möchten – und wenn diese Kandidaten dann abspringen oder aufgrund anderer unternehmerischer Perspektiven vor die Tür gesetzt werden, macht es den von den Unternehmen verprellten Mitarbeitern kaum noch Spaß, an anderer Tür zu klopfen. Und dann geht das Spiel von vorne los: Die Unternehmen klagen wieder über Fachkräftemangel, und nach einem umfangreichen Test mit dem ersten Fehlschlag wünscht man für die eine vakante Position lieber doch keine weiteren Experimente. Der Kreis schließt sich, das Rad beginnt sich zu drehen. Wegen falscher Entscheidungen im Vorfeld  – oder ist es doch der Fachkräftemangel?