Die Welt braucht mehr Texte. Wer schreiben kann und dabei sachlich, fundiert und nicht unbedingt den Stil des Bloggens verfolgt, könnte sich als freier Autor bei „Suite101“ sauwohl fühlen. Die deutsche Version von „Suite101“ wurde als gemeinschaftliches Projekt von Burda Digital Ventures und Justbooks-Mitgründer Boris Wertz jüngst der Öffentlichkeit präsentiert. Der ursprünglich englischsprachige Dienst steht bereits seit 1996 am Markt und bedient nach eigenen Angaben ca. sieben Millionen Besucher im Monat mit Zitaten, Artikeln und jedwedem recherchierbaren Textmaterial. Die deutschsprachive Version von Suite101 als „Das Netzwerk der Autoren“ bietet nach einem ähnlichen Konzept wie das US-Vorbild redaktionelle Inhalte von eben jenen freien Autoren.

Optisch lädt die Seite den Besucher direkt ein, sich selbst zu beteiligen. Doch wer hier einen Kraftakt auf dem deutschen Web 2.0 Markt erwartet, ist leider fehl am Platz. Suite101 versprüht keinesfalls das schöne Mitmachgefühl vom Web 2.0, sondern trumpft durch die klassisch angehauchte „Restriktive Partizipation“ mit dem Charme eines alten Bullen am Platz auf. Es wird sich hier sicherlich nicht „Kleinliesschenmüller“ als Autor finden. Das Angebot ist und bleibt redaktionell kontrolliert und damit journalistischer Natur, wenn die 20 verschiedenen Ressorts mit ihren 350 verschiedenen Rubriken und inhaltlichen Themen gefüllt werden. Geschäftsführer Peter Berger und Chefredakteur Dirk Westphal setzen daher darauf, „ein möglichst breites Themenspektrum abzudecken.“

Die veröffentlichten Inhalte jedoch werden von einer zehnköpfigen Redaktion betreut und müssen den strengen internen Kriterien standhalten: Suite101 ist keine offene Community- oder Blog-Seite. Die mitunter illustre Aussage von Westphal, dass man für Qualität stehen will und die Autoren aufgrund ihrer schreiberischen Fähigkeiten auswählt, hört sich für meinen Geschmack so an, als ob Blogger keine qualitativen Inhalte liefern würden – wogegen man heutzutage auf das Härteste hin widersprechen kann. Zumindest außerhalb von Deutschland zählen Bloggern zu den Medien auf einem gleichen Niveau wie Fernsehjournalisten, Radioredaktionen oder klassische Printredakteure. Natürlich gibt es die typischen Ausreißer, an denen sich Kritiker mit ihrem blasphemischen Gestammel förmlich „das Maul zerreissen“ – doch auch früher hat man gegen das Fernsehen geschimpft und es dennoch in Deutschland zu einer Instanz des Journalismus erhoben.

Als Autor würde ich es jedoch sehr fragwürdig empfinden, wenn man mich ausschließlich über die Werbeerlöse der Google AdSense Anzeigen abspeist. Viel kann bei einigen Dutzend selbstgeschriebener Artikel, die vorher auch nicht woanders veröffentlicht werden dürfen, nicht bei rumkommen. Ich tippe darauf, dass ein Netzwerk dieser Größe doch durchaus mit mehr Potential aufwarten kann. Die eigentliche Vermarktung von Suite101 wird bestimmt in einer weiteren Phase gestartet – nur ob der einzelne Autor davon profitiert oder erst nach mehreren tausend Artikeln einen entsprechend guten Schnitt mit diesem Revenue Share machen kann, das steht noch in den Sternen.

4 Kommentare
  1. heiko hebig sagte:

    Ich glaube nicht, daß man bei Suite101 denkt, Blogger würden grundsätzlich schlechte Texte schreiben. Vielmehr möchte man sich gegenüber Blogplattformen abgrenzen und verfolgt ganz bewusst einen eher klassisch journalistischen Ansatz. Suite101 veröffentlicht z.B. keine Kommentare zu Artikeln auf der Plattform. Wer lieber zu Themen diskutieren möchte, sollte in den bestehenden Blog-Communitities gut aufgehoben sein.

    Mir gegenüber sagte Westphal, daß Autoren Suite101 das exklusive Recht an einem Artikel für die Online-Verwertung für ein Jahr überlassen. Nicht mehr, nicht weniger.

    Hinweis: Ich arbeite bei Hubert Burda Media, bin aber nicht in die Beteiligung an Suite101 involviert.

  2. Mike Schnoor sagte:

    Heiko, ich verstehe deinen Standpunkt. Vielleicht ist aber die durchaus akzeptable Abgrenzung besser aufgehoben, wenn nicht wie Dirk Westphal mit „Qualität“ argumentiert und gleichzeitig feststellt, dass Suite101 „keine offene Community- oder Blog-Seite“ ist. Die Intention mag eine andere gewesen sein, doch persönlich habe ich es so aufgefasst, dass gerade hier die Kerbe geritzt wird, an der der Baumstamm gespalten wird.

  3. Christoph sagte:

    „Als Autor würde ich es jedoch sehr fragwürdig empfinden, wenn man mich ausschließlich über die Werbeerlöse der Google AdSense Anzeigen abspeist.“

    Das empfinde ich genauso. Ich bin freier Autor und neulich auf XinXii gestossen (ein Web 2.0 Marktplatz, auf dem man als Autor seine Texte kostenlos und völlig eigenständig hochladen und mit Informationen beschreiben kann). Provisioniert wird man dort automatisch pro Download – meines Erachtens fair mit 70% vom (selber festgelegten) Verkaufspreis. Und: Im Gegensatz zu Suite101 können Leser bewerten und kommentieren.

    Egal ob finaziell was dabei rumkommt oder nicht: Kostenlose Eigen-PR ist es allemal.

  4. Vivien sagte:

    Wenn ich ein Portal zum Publizieren habe, werde ich ganz bestimmt nicht von müden 2,50 Euro im Quartal für meine Texte über Anzeigen abgespeist werden. Wer schreibt schon hunderte aktuelle Texte, damit man ein paar tausend Euro im Monat über dieses Vergütungsmodell erhält? Da lohnt es sich wirklich, selbst ein Blog zu eröffnen und dieses durchweg selbst zu vermarkten.

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