Fernsehen 2008 – Samstags einfach nur abschalten

Ich muss mal lästern. Da blicke ich auf eine digitale Programmzeitschrift und ärgere mich über das, was als Unterhaltung für einen Samstagabend dargeboten wird. Das Fernsehprogramm ist mies. Mehr als mies, so dass man sich fragen sollte, wozu man noch die Rappelkiste im Wohnzimmer stehen hat. Wenn man bereits leidenschaftliche Zungenorgasmen durch das perfekte Dinner unter der Woche gewöhnt ist und sich mit den neuen Sendungen zu Crime und Doktoren zumindest ein gewisses Maß an Unterhaltung schaffen kann, kommt der Samstagabend mit einer bunten Welt voller Ernüchterung.

Heute spielt DSDS wieder auf – eine Sendung, die durch unzulängliche Momente voller Emotionen hinter einer Person her ist: Deutschland sucht den Superstar. Gefühlsausbrüche vor laufender Kamera. Zwar nicht nackig ausziehen, es ist ja eine Familiensendung, aber den Mut zusammen nehmen, tief schlucken, Tränen fließen lassen – ja, alles läuft in gut bewährter Tradition auf dem heimischen Bildschirm ab als hätte man nicht genug davon gesehen.

Und für meinen Teil habe ich genug davon gesehen. Die bisherigen Superstars in Deutschland sind Flaschen. Keiner der Kandidaten kam jemals an die Größe heran, wie sie bei den gecasteten Superstars aus den USA oder UK zu sehen ist. Also bitte, warum schaut man DSDS? Sind wir alle vom Eurovisionsdebakel der vergangenen Jahrzehnte auf der Suche nach illustrer Erholung?

Wenn man das Fernsehprogramm an einem stinknormalen Samstagabend betrachtet, kommt einem doch wirklich nur das graue Kotzen. Absolute Ernüchterung macht sich breit. Alte abgelutschte Filme sind das einzige, was sich ein Sender im Quotenkampf gegen geballte Übermächte unter dem gottgleichen Bohlen leisten kann. Kein Wunder, dass DSDS in dem Fall des fehlenden Alternativprogramms der morgige Quotensieger sein wird. Aber es kann doch nicht wahr sein, dass man gegen DSDS nichts am Samstagabend antworten kann? Carmen Nebel ist beim öffentlich-rechtlichen Programm eine nette Alternative für diejenigen, die auf ältere blonde TV-Damen stehen – auch Gottschalk fährt mit Wetten Dass..?! immer nur im modrigen Fahrtwind der Ersetzung durch einen jüngeren Moderatoren. Andersherum wagen die Sender nichts, gegen die Wettshow einzusetzen, wenn es nicht die eigene Quotensau selbst ist. Es grenzt doch schon an Feigheit vor der Bewahrung des eigentlichen Gesichtsverlusts.

Die Fernsehsender sollten ihre Programmplaner rausschmeißen. Macht doch mal was kreatives, ihr kreativen Erschaffer der Bewegtbild-Medienwelt. Kommt da etwa nichts mehr neuartiges oder sinniert man hinter dem sicheren Schreibtisch über die Talfahrt der inhaltslosen Formate und Wiederholung alter Dauerbrenner? Innovation muss her! Das einzige, woran man sich an einem Samstagabend erfreuen kann, ist ein ausgiebiger DVD Abend – wenn man darauf verzichten darf unter Leute in der Stadt zu kommen. Wo ist also das echte unbezahlbare Entertainment? DSDS kann doch nur krächtzende Massenhysterie unter Teenagern und ihren wallenden Unterhöschen sowie bei der (with all due respect) Generation 50+ verbreiten, die dann alle mit goldleuchtenden Äuglein verfolgen, wie der Nachbarsjunge oder die Tochter vom deutschen Fernsehpublikum abgewählt werden.

Fernsehen – das war mal was. Es gab wirklich die goldenen Zeiten der Flimmerkiste. Vielleicht bin ich einfach zu alt oder nicht zielgruppenkonform, aber ich hatte selbst damals noch an Wiederholungen von Peter Frankenfeld, die LIVE-Sendungen mit Hans Rosenthal, Wim Thoelke oder Peter Alexander – bin ich nostalgisch?

Das Fernsehen der Neuzeit, wie es durch DSDS geprägt wird, zeigt eigentlich kein deutsches Fernsehprogramm mehr, sondern Ideenklau und Lizensierungen aus den USA. Den Mist kann man sich echt sparen. Die innovationsgetriebene Entwicklung sollte für die Zukunft im Vordergrund stehen und ganz bestimmt keine Kopien von anderen Formaten – Deutschland sucht den Superstar war anfangs gut, jetzt wirkt es ausgelutscht. Das Dschungelcamp stellt sich generell als medialer Tiefpunkt heraus und Wer wird Millionär? ist scheinbar die einzig gute Adaption eines international lizensierten Formats. Und die Idee ein Format zu „deutschisieren“ ist einfach nur bescheuert – siehe Post Mortem vs. CSI und der neue Gedanke, Dr. House und Grey’s Anatomy als deutsche Serien zu konzipieren: „Kotz, würg, brech“ – wenn da die Zuschauer nicht wegrennen, sind die doch selber doof. Immer mehr sehe ich einfach keinen Grund, die Flimmerkiste anzuschalten. Nur für bewusst gekaufte DVDs oder ausgewählte Sendungen hat der Fernseher noch seine Daseinsberechtigung. Mehr auch nicht.

Ein Samstagabend mit Fernsehunterhaltung ist alles andere als unterhaltend, vielmehr besticht die Zeit vor der Glotze durch unanständige Langweile und Inhaltslosigkeit. Vielen Dank – immerhin konnte ich daraus einen langen Blogeintrag zaubern. Ich hoffe, dass zumindest diese Zeilen unterhaltsam sind. :)

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Mike Schnoor ist Senior Partner von Guts & Glory, der Manufaktur für die Digitalisierung von Marken, Unternehmen und Institutionen. Als Berater sorgt er dafür, dass Unternehmen sich im digitalen Wettbewerb hinsichtlich Kommunikation, Prozesse, Kreation und Social Media richtig positionieren können. Seine beruflichen Schwerpunkte liegen in der Digitalen Transformation, Kommunikation, Digital Strategy, Marketing, Public Relations und Social Media. Auf seinem persönlichen Blog mikeschnoor.com und im Magazin #DigiBuzz veröffentlicht er verschiedene Fachartikel zu seinem Themenportfolio. Folge @MikeSchnoor bei Twitter!

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Kann ich nur zustimmen. Heute gings mal ins Kino, aber sollte ich am Samstagabend zuhause sein, dann genieße ich inzwischen mein Apple TV und den Account beim US-iTunes Store. Neue Serienware (durch Streik etwas eingeschränkt) und Filme die bei uns z.T. noch nicht im Kino laufen. Bequem vom Sofa aus. Und bei dem Dollarkurs wird es noch attraktiver ;-)

  2. „Vielen Dank – immerhin konnte ich daraus einen langen Blogeintrag zaubern.“

    Ja du hast dir viel Mühe gegeben etwas mit vielen Worten zu umschreiben, was man auch mit einem Wort hätte beschreiben können das mit Schei anfängt und mit ße aufhört.

    Für mich stellt sich langsam aber sicher die Frage, ob man von den öffentlich rechtlichen nicht mittlerweile Schmerzensgeld fordern könnte, oder Schadensersatz. Schließlich müssen wir die zwangsweise bezahlen. Der Rest darf senden was er will, solange er keine Subvention fordert.

  3. Fernsehen – das war mal was. Es gab wirklich die goldenen Zeiten der Flimmerkiste. Vielleicht bin ich einfach zu alt oder nicht zielgruppenkonform, aber ich hatte selbst damals noch an Wiederholungen von Peter Frankenfeld, die LIVE-Sendungen mit Hans Rosenthal, Wim Thoelke oder Peter Alexander – bin ich nostalgisch?

    dann bin ich es auch.
    man könnte diese gassenfeger (was die früheren samstagabendsendungen ja waren) doch einfach mal wiederholen.
    aber wahrscheinlich würde das, ausser ein paar nostalgikern) heute niemanden mehr interessieren.
    aber einen vorteil hat das tv-programm: man besinnt sich wieder auf alternative beschäftigungsmöglichkeiten.

  4. @Thomas – Ach da kommt grad der Neid hervor bei mir. Sobald wir nach unserem Umzug eine neue Küche und einen coolen Kühlschrank angeschafft haben, stellen wir vielleicht uns selbst endlich ganz auf Apple ein – und dann gibt’s endlich keinen Stress mehr mit der langen Wartezeit mehr nur wegen der deutschen Synchronisierung für’s Volks-TV.

    @Jochen – Gerade das wollte ich ja vermeiden mit dem S-Wort. Aber ich wäre eher dazu geneigt, nicht die öffentlich-rechtlichen Sender auf Schadensersatz zu verklagen, sondern eher darauf, gute Programme zu liefern, die gegenüber den US-Import-Kopien wieder Gassenhauer sind. :)

    @Prinzzess – Es gibt ja das „Vierte“. Vielleicht kann man das offizielle „Retro-TV“ von den öffentlich-rechtlichen Sendern angehen, und dort die guten alten Sachen zeigen – 24-7 für jeden der es mag. Ich würde glatt einschalten.

  5. Hi Mike, was ich an Deinem Artikel etwas vermisse, ist zumindest das Anschneiden einer Ursachenforschung. So platt und oft gehört es ist, auch die Öffentlich Rechtlichen unterliegen eben einem Quotendruck und letztlich bekommt der TV-Zuschauer das, was der (durchschnittliche + werbe-relevante) Zuschauer will.

  6. das ist ja fast unglaublich. Solch eine Grafik habe ich ja auch nur nie gesehen. Voll witzig. Der ganze Hype, der um den Pagerank besteht, wird hier klassisch gut dargestellt. Das ist doch was für eine SEO Tagung. Sie würden echt in den Berg schauen.:)

  7. Pingback: Goodbye Joost | MikeSchnoor.com

  8. Klar, du hast sicherlich Recht, doch wenn du DSDS angreifst ist das nur die halbe Wahrheit: Denn nicht nur die Privaten, sondern auch die öffentlich-rechtlichen Sender machen mit bei der Volksverdummung. Zu dem Thema gibt es einen sehr guten Film, Free Rainer, und einen guten Beitrag von Polylog. Ebenfalls kann ich das Interview mit Regisseur Hans Weingartner im Tagesspiegel empfehlen. Videos und Links sind auf meiner Homepage zu finden.

    Und dann hilft nur noch eines: Abschalten!

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