Was wird 2010 im Bereich Social Media passieren?

Viel zu oft versucht man die Zukunft vorherzusagen. Auch ich habe mir einige Gedanken dazu gemacht, was in den nächsten Monaten des kommenden Jahres passieren wird. Hierzu möchte ich in meinem Blog der Leserschaft die folgenden 10 Grundgedanken vermitteln und freue mich selbstverständlich auf eine rege Diskussion. Also, was glaubt ihr, wird in 2010 im Bereich Social Media passieren?

1. Arbeitsalltag
Social Media integriert sich ab 2010 vollständig als spezielle Teil-Disziplin von Public Relations, Marketing, Sales und Human Ressources in den Arbeitsalltag. Mitarbeiter anderer Unternehmensbereiche, vornehmlich außerhalb von Kommunikation, Werbung und Vertrieb, werden mit weiteren Einschränkungen in ihrem Online-Nutzungsverhalten durch tiefgreifende Social-Media-Richtlinien rechnen müssen. Die typischen Rauchpausen könnten sich für Arbeitnehmer immer stärker zum Konsum von Social Media über mobile Endgeräte eignen, zudem das private Telefon in Pausen bisher außerhalb des direkten Einflusses von Arbeitgebern liegt.

2. Digital Relations
Trotz starker Restriktionen werden einige Unternehmen ihren Mitarbeitern neue Freiheiten und Spielräume ermöglichen, weil sie über ihre privaten Profile als offizielle Kommunikatoren und potenzielle Experten des Unternehmens in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Letztendlich entscheidet ein Kunde höchst individuell, welche Wirkung die gesamte Außendarstellung eines Unternehmens auch durch die eigenen Mitarbeiter auf die zukünftigen Beziehungen haben wird. Neben einer reinen Werbeplattform wird Social Media zur Kommunikation auf allen Ebenen genutzt und ganzheitlich von Unternehmen gelebt werden.

3. Messbarkeit
Jede Bemühung von Unternehmen, sich im Umfeld von Social Media zu positionieren, wird im Jahr 2010 wesentlich durch klassische betriebswirtschaftliche Faktoren bestimmt. Unzählige individuelle Kriterien für den Einsatz von Social Media in werblicher und kommunikativer Hinsicht gilt es zur Erfolgsmessung zu berücksichtigen. Entsprechende Ansätze zur Abbildung der Kriterien, z.B. über Metriken oder durch die Bildung eines zentralen Index, sind bisher nicht einheitlich anwendbar, während ältere Messmethoden über PageImpressions, Visits oder Unique User in Analyse und Forschung zur Werbewirksamkeit immer stärker in den Hintergrund rücken. Die entsprechende Notwendigkeit einer Einigung und die schnelle Markteinführung von einheitlichen Messmethoden und Kennzahlen hängen dabei im Wesentlichen von der Agilität der anerkannten Gremien und Institutionen ab.

4. Community
Social Media wird im kommenden Jahr für den einzelnen Nutzer etwas weniger „sozial“ wirken. Anstatt vollkommen auf Kollaboration und Interaktion in der Masse zu setzen, werden Nutzer immer stärkere Grenzen zwischen ihren persönlichen Interessensgebieten und Aktivitäten im Internet ziehen. Daraus lässt sich klar erkennen, wie sie ihre präferierten Themen und Kontakte je nach Anwendung oder Social Community einteilen und gruppieren. Die Kommunikation in diesen Gruppen konzentriert sich dabei vermehrt auf einen selektierten Kontaktkreis, der oftmals bestimmten Zielen zugeordnet ist. Eine weiterführende Unterteilung von privaten und beruflichen Kontakten in den einzelnen Netzwerken nimmt ebenfalls Einfluss auf das Kommunikationsverhalten des Individuums, so dass bestimmte Inhalte nicht mehr für jeden Kontakt zugänglich sein werden. Auch werden Empfehlungen immer wichtiger. Das hohe Maß an „sozialem“ Austausch, wodurch sich Social Networks einst auszeichneten, verliert sich in den steigenden Anforderungen der Nutzer an ihren persönlichen Informationsfluss und ihr eigenes Mitteilungsbedürfnis.

5. News
Ab 2010 entscheidet die Masse der Nutzer immer eigenständiger über die aktuellen Themen des Tages. Entgegen des tagesaktuellen Redaktionsplans bestimmt die Community den Nachrichtenwert durch Retweets, Shares und Empfehlungen. Dieser Trend des digitalen Informationskonsums spiegelt sich in der sozialen Gewichtung von Nachrichten wider. Auch Redaktionen werden verstärkt auf das daraus ableitbare öffentliche Interesse eingehen und ihr redaktionelles Angebot daraufhin anpassen.

6. Blogs
Alle Jahre wieder tönen zum Jahresende zahlreiche Unkenrufe vom Sterben der Blogs. Insbesondere in Nischen und als fachlich spezialisierte Blogs werden sie ein wichtiger Teil unserer Informations- und Wissensgesellschaft bleiben. Auch neue Märkte öffnen sich für spezialisierte Blogger. So wie Verlage weiterhin auf Zentralisierung von Redaktionen oder das Auflösen von einzelnen Lokalredaktionen setzen, wird der Leser als mündiger Nutzer in Social Media fündig werden. Für einzelne Städte, Gemeinden oder Stadtteile entwickeln sich hier Lokalblogs, die ihren Schwerpunkt auf Grundlage der einstigen Kernkompetenz mancher gedruckter Lokalausgaben ausbauen werden. Gleichzeitig übernehmen einzelne kritische Stimmen verstärkt die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit bei überregionalen Themen und selbstverständlich in der Aufdeckung von Fehlern und Versagen von Unternehmen, Organisationen und Institutionen jeglicher Art als Teil der modernen Medienkritik.

7. Content
Social Media wird als neuer Vertriebskanal von Unternehmen jeglicher Art erkannt. Verlage müssen in 2010 die Relevanz des Mediums als Teil der Wertschöpfungskette erkennen und dürfen sich der ganzheitlichen Integration in ihre bestehenden Geschäftsmodelle nicht verschließen. Gleichzeitig werden Radiosender ihre Hörerschaft intensiv über das Internet an sich binden und hier Mehrwerte zum linearen Programm anbieten. Auch TV-Sender werden verstärkt den Weg ins Internet gehen und plattformübergreifend ihre Programminhalte auch außerhalb von sendereigenen Portalen verbreiten. Filmproduzenten und Musikmajors werden dabei vornehmlich ihre Inhalte eigenständig weiterverwerten und eine ähnliche Distributionsstrategie fahren.

8. Monetarisierung
Die einzelnen Geschäftsmodelle zur Monetarisierung von aufwendig redaktionell produzierten Inhalten reichen dabei von Paid-Content-Modellen über Beteiligungsmodelle an den Werbeerlösen bis zu kostenfreien Angeboten zur Promotion einzelner Highlights. Insgesamt wandelt sich damit das klassische Lizenzierungsgeschäft durch die verschiedenen Abhängigkeiten und Konstellationen zwischen Content-Anbietern, Plattformbetreibern und Werbetreibenden in partizipative Geschäftsmodelle, aus denen auch der Nutzer entscheidende Vorteile durch Exklusivität, kostenfreies Zusatzmaterial oder weitere noch zu definierende Mehrwerte ziehen kann.

9. Microblogging
Wer Wind säht, wird Sturm ernten. Was einst als kleines Experiment ab Frühjahr 2007 die Early Adopter und die für Social Media affinen Internetnutzer erreichte, beflügelt mittlerweile unzählige Menschen in ihrem Alltag. In der Bahn, beim Mittagessen, nach dem Sport oder vor dem Schlafengehen preisen sich viele Leute in der Öffentlichkeit und zwitschern wild drauf los. Twitter entwickelte sich bereits in 2009 zu einem Massenphänomen, dem sich im nächsten Jahr keiner mehr entziehen kann. Über mobile Endgeräte wird Twitter in jeder Situation greifbar werden, durch entsprechende Mobile-Flatrates kommen immer mehr Menschen in den Genuss dieses alltäglichen Wahnsinns. Follow me!

10. Social Media Experten
Bleiben wir doch alle einmal ehrlich. Jeder hat etwas zu melden, aber deswegen ist noch nicht jeder ein Experte. Zwar sind wir schon längst Papst, aber es gibt gewaltige Unterschiede zwischen professionellen Ansätzen und laienhaftem Dilletantismus, den manche Social Media Experten von sich geben. Zu Anfang werden sie wie die Pilze aus dem Boden schießen und sich gegenseitig das Wasser abgraben, aber zum Ende des Jahres wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Zurückbleiben werden absolute Profis aus Kommunikation, Marketing und Vertrieb, um die sich die Unternehmen reißen werden.

Fazit
Social Media ist und bleibt spannend – und das in scheinbar jeder Lebenslage. Egal ob Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen sich in Social Media tummeln, fest steht eines: Wer sich mit Social Media dauerhaft über die letzten Jahre hinaus beschäftigte, wird auf Dauer einen langfristigen Erfolg feiern. Social Media ist keine kurzlebige Sache, sondern wird immer stärker wohl durchdacht und geplant. Für jeden Neueinsteiger empfiehlt es sich, den BVDW-Leitfaden Sicherer Einstieg in soziale Netzwerke zu lesen, an dem auch ich persönlich mitschreiben durfte.

Nachtrag: Ich möchte kurz darauf hinweisen, dass Thorsten Zoerner in seinem Blog eine thematisch passende Aktion über die Veränderungen des Jahres 2010 mit dem BlogAdventskalender fährt.

37 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Tweets die Was wird 2010 im Bereich Social Media passieren? | MikeSchnoor.com erwähnt -- Topsy.com

  2. Pingback: uberVU - social comments

  3. Interessante Thesen, Mike. Ich meine auch, dass PR-Komponenten immer stärker den Bereich Social Media erobern werden – darin liegt aber auch ein Glaubwürdigkeits- und Relevanzrisiko, denn bereits heute ist der Spam-Anteil in Communities enorm.

  4. @Prinz Rupi – Danke! PR benötigt in Social Media unglaublich viel Glaubwürdigkeit. Folgerichtig eckt man in der Kommunikation an die Idee einer Verifizierung an. Wie das funktionieren soll, ist schwer nachvollziehbar.

    Für Twitter gäbe es die Möglichkeit, eine „Superliste“ mit allen Mitarbeitern zu veröffentlichen, die auch Twitter nutzen – sofern das Unternehmen das möchte. Oder innerhalb der Unternehmensseiten auf offizielle Quellen hinweisen und die inoffiziellen Quellen seitens der Mitarbeiter ebenfalls aufführen, aber die typischen Sicherungssprüche wie „Die in diesen Tweets geäußerten Meinungen entsprechen nicht dem Unternehmenstweet.“

  5. Wie? Was? Keine Video-Revolution am Horizont? ;) Und: Zur weiter zentralen Rollen von Blogs hatte ich ja vorgestern auch was geschrieben :) (Link habe ich hinter meinen Namen oben gelegt)

  6. @Oliver – Die Video-Revolution ist doch schon längst angekommen. Wir sollten mal Markus Huendgen dazu interviewen. Und ja, ein interessanter Artikel hinter deinem Link :)

  7. Du weisst doch, was arrivierte Revolutionen so machen: Sie verfrühstücken ihre Kinder.

    Wär spannend was du an der Videofront gesehen hättest.
    V
    ideo@mobile ist ja so ne Akkufrage, z.B.

  8. Pingback: Readability Bookmarklet: Praktisch! – written in basic

  9. Finde die Vorschau wirklich interessant.
    Aber ob Punkt 5 so eintritt? In den (guten und kompetenten) klassischen Medien wie TV und Radio kann ich mir das nicht so recht vorstellen, dass die Community einen großen Einfluss auf die Auswahl der Nachrichten durch Bewertung haben wird.

    Fehlt noch ein Punkt 11:
    Social Media Development ;-)
    Es schießen immer mehr Anwendungen aus dem Boden, die sich Daten von den Großen wie Google, Facebook oder Twitter ziehen und diese weiterverarbeiten, wie Facebook-Anwendungen oder Twitter-Tools.

  10. Pingback: Social Media heute und morgen « hasematzel.de: webstandards, entwicklung, internet, kultur

  11. Pingback: Lesenswert: Brands4Friends, Social Media, Amazon, Vente-Privee, Friendster, Jimdo, Movieclips.com :: deutsche-startups.de

  12. ok, jetzt lesen hier wir was in Zukunft kommen könnte/wird.
    Aber wissen wir wirklich, was bisher passierte ? Wie sich was verändert hat ?
    Ich bin mir noch nicht sicher…
    Schönen Sonntag, Bernhard

  13. Pingback: » LINKLOAD vom 06.12.2009 [UPLOAD Blog]

  14. Super Artikel und durchdachte Argumente mit denen ich mich identifizieren kann. Einen Trend sollten wir aber auch nicht vergessen. Je mehr Content im Social Media produziert wird, umso schwieriger wird es für jeden Einzelnen die Spreu vom Weizen zu trennen und am Ball zu bleiben. Twitter mag inzwischen als Massenphänomen durchgehen aber es wird meiner Meinung nach immer unterschiedliche Nutzergruppen geben. Die die es vielleicht gar nicht nutzen und die Hardcore Multiplikatoren. Ich bin hinsichtlich der Chancen von Social Media gerade für Unternehmen und damit auch für die Gesellschaft (Transparenz, „bessere“ Unternehmen etc.) 100% überzeugt. Denoch gibt es gerade in unserer Zeit des „Information Overloads) auch eindeutig einen Trend zu weniger ist mehr. Ansonsten wären Bücher wie die „4-Stunden-Woche“ nicht so erfolgreich. Auch das ist bei der Entwicklung von Social Media 2010 zu berücksichtigen.

  15. Pingback: Blog-Adventstürchen vom 07.12. – 10 Grundgedanken für Socialmedia 2010 | Banedon's Cyber-Junk

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  20. Hi Mike, schöne Thesen – da kann ich nur „Amen“ dazu sagen :-)

    Ich sehe das vielleicht ein klein wenig skeptischer, weil meines Erachtend die deutschen Unternehmen noch lange nicht alle soweit sind. Social Media wird immer noch oft nur als reiner Vertriebskanal gesehen … den tieferen Sinn dahinter haben viele noch nicht entdeckt oder verschließen sich davor. Mal abgesehen davon, dass es noch keine Social Media Budgets gibt … da wird in der Regel aus PR,- Marketing- oder Vertriebstöpfen das Geld abgezogen.

    Es ist nun an den „Experten“ und Agenturen, dort zu missionieren und zu lehren um Social Media zukunftsfähig zu machen.

    Die Arbeit des BVDW ist wichtig und gut, dort sind wir ja mittlerweile auch aktiv :-)

    viele Grüße
    Jan

  21. Pingback: Social Medial in 2010 | Life 2.0 Blog

  22. muuuah…Kaffesatzleserei und Glaskugelgucken…und die gleichen Vorhersagen wie seit 5 Jahren….“….und übrig bleiben nur noch absolute Experten aus dem Marketing und Kommunikationsbereich“…ist bei einem solchen Schwätzerthema sicherlich ein frommer Wunsch. Wenn man nur wüsste, wer das sein soll….

  23. Da muss ich Jan vollkommen Recht geben. Jeder redet darüber, aber wirklich strukturiert läuft es bei vielen Firmen noch nicht. Ich bin mal gespannt wann das Thema richtig ernst genommen wird.

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