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Journalismus und Blogger – wie immer ein zweigeteiltes zweischneidiges Schwert. Mal liebt man sich, mal hasst man sich, mal kann man nicht so wie man möchte. Jetzt ist alles anders – schon wieder eine erneute Prophezeiung?

Seit heute gibt es offiziell Neue Video-Formate auf Handelsblatt.com, die nicht nur ähnlich wie bei Spiegel Online eine Nachrichtensendung oder (ursprünglich) externe Formate integrieren. Vielmehr gibt es bei dem Handelsblatt.com ein eigenes Video-Blog und eine eigene Rubrik mit Mario Sixtus in Person.

Ausgewählte Redakteure und Journalisten werden mit einem UMTS-Handy ausgestattet und starten heute mit einer ziemlich kurzen, dennoch sehenswerten Reihe von Liveberichten von der OMD. Die Clips des Videocasts Elektrischer Reporter wird im übrigen auch spaßeshalber mit einem Videoclip nachfolgend zu dem ursprünglichen Beitrag des Journalisten aufgewertet, der mit Eigenwerbung zum Handelsblatt aufwartet. Darauf folgt jedoch abschließend ein kleiner kurioser Hinweis, dass man mit einer Kettensäge nicht gärtnern kann… interessant! So verschwimmt immer mehr die Grenze des kernigen Journalisten mit denen des unkernigen Bloggers… zumal man irgendwann keinen Unterschied mehr machen kann, ob es ein hochqualitativer journalistischer Beitrag ist oder doch nur ein neues Handy-Video vom Blog Autor selbst. Also in Zukunft nicht mehr auf Blogger böse blicken, wenn es der Journalist selbst genauso macht. Es wäre schön, wenn man auch zu dem Videoblogs einen Pingback oder Trackback setzen könnte – sichtbar war jedenfalls nichts. ;)

Wie schön das Leben doch sein kann. Man sitzt an seinem Rechner, hat den Laptop auf dem Schoß, macht mit der Digitalkamera oder dem Handy Mobiltelefon einen schönen Schnappschuss – und man ist in der Zeitung! Entweder bei der 1414-Bild oder bei wie bereits erwähnten anderen Leserblog-Verlagen, heute ist es für jeden von uns möglich, den privaten Seelenstriptease nicht nur von sich selbst, sondern auch von anderen uns total fremden Personen in Text und Bild und Ton zu bannen. Doch hat diese Masche überhaupt in der Zukunft noch einen Sinn? Der Schein trügt nicht, wenn man festhalten muss, dass immer mehr Verlage versuchen, eine Community rund um die hauseigene Tageszeitung oder ein anderes Käseblatt zu binden:

Und deshalb laden sie ihre Leser zum Schreiben. Viele wollen das sogar erstmal ausprobieren. Das Blöde ist nur: Nur wenige wollen das, was andere Leser schreiben, wiederum lesen. [via Thomas Knüwer]

Danke für die entsprechenden Anmerkungen, Herr Knüwer. Es erscheint in diesem Moment genau richtig, soetwas zu behaupten. Wenn ich eine Zeitung lese, konsumiere ich das Produkt aufgrund der journalistischen Qualität, sofern diese überhaupt bei einigen Blättern vorhanden ist. Mich interessiert es herzlich wenig, dass eine Gruppe von teilweise anonymen Lesern des Blattes sich herrlich zu diesem gebunden fühlt. Bin ich ein Verlagsmanager XYZ, der seine ABC-Zeitung mit neuen Inhalten füllen möchte, und sich dabei an der neuen semi-digitalen Leser-Blatt-Bindung ergötzt? Falsch! Soetwas bin ich (momentan) natürlich nicht. Der Medieninhalt aus dem Hause eines Citizen-Media Journalisten kommt mir auch nur in dem Fall interessant vor, wenn ich die Gesamtheit der von demjenigen Autoren geschaffenen Werke betrachte, der Autor mir aufgrund seines Schreibstiles gefällt, oder aus sonstigen Gründen – aber nicht, weil der Autor die ABC-Zeitung jeden Tag lesen mag und andere Leser mit seinem persönlichen Gefilde aus halbdurchwachsenen, pseudo-journalistischem Gedöns vollschreibt…

Moment mal, was ist das hier? Normalerweise bezeichnet der geneigte Leser es als Weblog oder kurz und gut als ein Blog. Mittlerweile sollte ein Großteil der Bevölkerung verstanden haben, dass es sich im Groben und Ganzen um eine Publizierung in Tagebuchform handelt. Aber man muss auch zugeben, dass in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung und der davon abgeleiteten Internet-User nicht immer wissen, wo der Hund begraben liegt.

Jedoch ist ein Blog nicht immer ein Tagebuch, und hier beim MikeSchnoor.com ist es alles andere als ein kleinkarriertes Tagebuch voller persönlicher Endorphine im Stil des „Ich und meine arme Welt„. Nein, Blogs sind viel mehr als die einfache per-se Definition von vor drei oder vier Jahren. Man kann sie in jeder Form einsetzen, und in jedweder Art als Plattform für Content nutzen. Nur damals schmissen wir die Stifte weg und verbannten unsere dicken Tagebuch-Wälzer in den Schrank – wir digitalisierten uns selbst.

Am vergangenen Donnerstag bestritt ein sicherlich seines Faches kompetenter Marcel Machill sich im Metier der Weblogs. Wenn Journalismus durch Weblog Autoren vertreten wird, sind die traditionellen Journalisten gleichauf mit den Vertretern der Wissenschaften. Sie wettern gegen die sogenannte Fünfte Macht. Herr Machill ist seines Zeichens Professor für Journalistik an der Universität Leipzig. Und er begab sich auf die Suche nach der mehr oder minder endlosen Frage nach Qualität von Weblogs durch ein Interview in diesem jüngsten Artikel der Leipziger Volkszeitung.

Journalismus ist Tradition mit Werten und Wertgefühlen. Früher erlernte der Sohn den handwerklichen Beruf des Vaters, aber heute strebt der Sprößling lieber ein Studium an, als sich an harter Arbeit zu verdienen – den Damen sei hier für die Wortwahl um Entschuldigung gebeten. Auch die Medien sind von Tradition durchzogen: Von Zeitungen über Radio und TV bis zum medialen Internet ist der Journalismus präsent. Seit wenigen Jahren aber setzt sich die Citizen Media mit ihren persönlichen, aber auch gleichzeitig professionellen Autoren bei vielen Lesern durch. Meistens funktioniert dies auf einer Basis von „Take, Give and Share“ ohne Probleme. Zumeist liefern die Blogger ihren Content frei und ohne Bezahlung, was speziell in Nichen-Themen lohnenswert ist. Dieser laut Machill bezeichnete partizipatorischer Journalismus ist unsere Form der medialen Beteiligung in Wort, Bild und Ton – durch Blogs, Videoblogs und Podcasts. Im Zeichen dieses Para- oder Pseudojournalismus steht ein Autor eines Weblogs in der ersten Frontlinie gegen die Traditionalisten. Darf man sich jetzt schon in einem Bürgerkrieg epischen Ausmaßes sehen? Strebt das Volk gegen diejenigen, die als vierte Gewalt handeln dürfen?

Für die seit kurzem sich selbst etablierenden Blog-Netzwerke, die von einer größeren Organisation oder einem Konsortium getragen werden, bietet sich durch diese Art des Journalismus eine gute Einnahmequelle. Hier steht außer Frage, dass guter Content auch von Autoren geliefert werden kann, die nicht dem traditionellen Journalismus entsprungen sind. Ohne Volontariat, ohne Studium der Journalistik, ohne alles.

Von einem simplen Netztagebuch ist es also weit entfernt, je mehr sich ein Blog und der dazugehörige Autor entwickeln. Es gib Tendenzen zur redaktionellen Arbeit, sobald ein Multi-User-Blog an den Start geht. Ebenfalls wird von großen Verlagshäusern die Möglichkeit genutzt, mit eigenen Blogs ihren Redakteuren mehr Spielraum für ihre tägliche Arbeit und Berichterstattung zu bieten. Darf man demnach von einem Netztagebuch noch reden? Geschweige denn von einer Abwertung von Blog-Netzwerken im Vergleich zu der hochgelobten Redaktion? So spiegelt sich ein deutscher Konsumbegriff zur Distanzierung von bösen Blog-Anglizismen mit gepaarter Angst im Geiste der Traditionalisten wieder. Ein Begriff wie Netztagebuch beschreibt immer gerne die Plattitüde der Citizen Media.

Darüber hinaus fällt dem geneigten Leser sogar auf, dass einige Journalisten, die sich an Blogs versuchen, den doch lockereren und freien Schreibstil in deren übliche „prädikat-wertvoll Artikel“ im Tagesgeschäft einfliessen lassen. Wird so nicht das traditionalistische Medium schon von innen heraus gekehrt und so vernichtet?

Heutzutage darf jedoch von etwas anderem ausgegangen werden: Blogs sind das moderne Volksbegehren der nicht-mundtoten Bevölkerung. Wer mit traditionellen Werten in einer medialen Welt voller Vorurteile aufwächst, muss sich an Neuerungen erst gewöhnen. Was taten wir uns schwer, als man das Fernsehen einführte – der Tod des Radios? Und wie konnte jemals die ARD das neue ZDF überleben? Oder leitete erst die Einführung der Privaten TV-Sender den Niedergang des qualitativen Journalismus ein? Sollten nicht hundertausende den Fernseher aus dem Fenster schmeissen, die Bücher verbrennen und Abonnements für die Tageszeitungen abbestellen, sobald das Internet die Inhalte schnell und präzise direkt ins Wohnzimmer lieferte?

Unsereins wird sich in spätestens 10 Jahren genüßlich zurücklehnen und ein wenig darüber schmunzeln, wie man sich damals am Aufbegehrens des Social-Networks von Blogs und ihrer multimedialen Synthese störte. Dieser Stein des Anstoßes wird das liefern, was sich der Medienwissenschaftler von heute noch nicht vorstellen möchte. Die Zukunft lieft in dem Miteinander, und nicht im Kampf gegen die Veränderung der Uncertainty Avoidance?

[Geistige Anregungen und der böse Artikel via PlasticThinking]