Second Screen und Digitale Gefahr: #AppFilm im ZDF so interaktiv wie DVD-Bonusmaterial

Stellen wir uns vor, unser Smartphone übernimmt die Kontrolle in unserem Leben und wir können nichts dagegen unternehmen. Am Montagabend strahlte das ZDF einen Kinofilm mit Second-Screen-Technologie als Free-TV-Premiere aus, der nicht nur als Thriller sondern zugleich als Kritik an der Gesellschaft und ihrem Umgang mit mobilen Endgeräten verstanden werden möchte. Bleibt der #AppFilm nur ein weiteres TV-Experiment der Öffentlich-Rechtlichen, um jüngere Menschen mit ihren Smartphones als Zuschauer zu aktivieren? Oder hat der Second Screen eine echte Chance gehabt, sich mit der „Digitalen Gefahr“ bewusst auseinander zu setzen?

App – Der Film: Nur moderne Fiktion

Jeglicher Voreingenommenheit zum Trotz kommt die niederländische Produktion „App – Der Film“ aus dem Jahr 2013 auf ein durchaus akzeptables Niveau eines Thrillers. Filmfreunde werden gewiss die leichte Ähnlichkeit der Hauptdarstellerin Hannah Hoekstra anhand der Gesichtszüge und Mimik mit der aus der „Harry Potter“-Filmreihe bekannten Schauspielerin Emma Watson erkannt haben. Sobald eine App vollkommen ungestört unsere privaten Fotos und Videos an alle Kontakte verschickt, wird wohl jeder Mensch wenig davon begeistert sein. Wenn sich diese App vom Smartphone gar nicht mehr löschen lässt und sich obendrein noch eigenmächtig auf allen digitale Endgeräten über NFC-Technologie, WLAN oder das Mobile Internet verbreitet, dann sprechen wir von übelster Malware und einem hartnäckigen Virus. Falls diese App hingegen kognitive Intelligenz zeigt, indem es Menschen identifiziert und ihre infizierten Smartphones zur Akku-Überhitzung für eine lebensgefährliche bis tödliche Explosion bringt, dann landen wir jedoch wieder nur in einer modernen Fiktion mit einer ersten Vorstufe zu Skynet aus der Terminator-Reihe. Vom thematischen Gedanken bildet diese Fiktion also ein bekanntes Muster, das im Zuge unserer allgegenwärtigen Digitalisierung einen reizvoller Ansatz unterbringt, um dem Zuschauer ein Bewusstsein für die Auswirkungen der endlosen „Sharing is Caring“-Mentalität zu geben. Die „Digitale Gefahr“ einer Dystopie, welche der Film sehr direkt darstellt und unterschwellig kritisiert, bleibt für uns Technologie-Nutzer also nur in mittelbarer Distanz.

Begleit-App für den Second Screen als Chance

Laut Media Control schauten sich rund 2,12 Millionen Zuschauer und knapp 830.000 der 14-49jährigen Zuschauer gestern den #AppFilm an, der immerhin zur späten Sendezeit ab 22.15 Uhr auf gute 10,5 Prozent Marktanteil kam. Waren die Zuschauer bereit für das TV-Experiment? Von der Story her nachvollziehbar und in mancher Art schon bekannt, wirkt das TV-Experiment für digitale Zuschauer umso interessanter, weil mit Endgeräten auf Basis von iOS und Android eine „Begleit-App“ zum Film installiert werden kann. Wer sich im Vorfeld der Ausstrahlung diese echte App heruntergeladen hat, erhält in einigen Filmsequenzen anhand der gekoppelten Tonsignale von Film zu App zusätzliche Informationen auf das persönliche Smartphone gespielt. Wer zu weit vom Fernseher entfernt sitzt oder den Ton sehr leise gedreht hat, geht leider leer aus, weil sich die App nicht zeitlich steuern lässt, sondern über den Ton des Films angesteuert wird. Ähnlich wie Shazam zur Erkennung von Musiktiteln versteht die Begleit-App, an welcher Stelle im #AppFilm das richtige Bonusmaterial ausgespielt werden muss.

Das ZDF selbst pries die Nutzung der Begleit-App hingegen relativ vollmundig an, denn „das Geschehen auf dem Fernsehschirm im Second Screen [solle] hintersinnig kommentiert“ werden. Die Zuschauer sollten sich über „SMS, Filmszenen und Animationen zum Mitakteur des Films“ entwickeln und im Gegensatz zur Hauptdarstellerin einige Schritte voraus sein. Von einem „raffinierten Spiel mit der Lust am crossmedialen Konsum“ möchte die Begleit-App im Live-Betrieb zur Ausstrahlung offenbar nichts wissen. Weite Strecken des Films sieht man nur die Standby-Einstellung der App. Ein wenig überraschend starten die in der App hinterlegten Filmschnipsel, die bereits von jeder guten DVD- oder BluRay-Produktion mit deutlich mehr Detailtiefe und Inhalt angeboten werden. Nur zwei bis drei Sekunden liest sich eine fingierte Facebook-Nachricht, ein weiterer Screenshot zeigt eine SMS-Konversation zweier Nebencharaktere, einige andere Filmsequenzen zeigen alternative Blickwinkel zur Live-Footage, die natürlich aus der integrierten Kamera eines infizierten Smartphones wiedergeben. Die Idee als Mitakteurs an dem Film mitzuarbeiten bleibt spätestens am Ende des Films in unüberwindbarer kosmischer Distanz. Der #AppFilm im ZDF bleibt leider so interaktiv wie ganz normales DVD-Bonusmaterial.

Second Screen als Evolution der TV-Gesellschaft

Wer ein TV-Experiment startet, lebt in der Gewissheit, dass nicht alle Inhalte und Ideen mit phänomenalem Jubel empfangen werden. Kritik gibt es immer, jedoch muss Kritik immer ein konstruktives Element besitzen. Die Grundidee der Verzahnung von klassischem linearen TV mit einem digitalen Umfeld besitzt ein unschlagbares Zukunftspotenzial. Jedoch darf der Second Screen keine digitale Zweitberieselung sein, sondern muss zur Interaktion und Kommunikation einladen.

Der Second Screen war für mich schon in der Zeit von 2009 bis 2010 ein spannendes Themenfeld. Immer öfter setzten die Zuschauer Twitter und Facebook ein, um eine TV-Ausstrahlung mit anderen Nutzern als digitale Community zu diskutieren. Beim mittlerweile verblassten Videoportal sevenload.com hatten wir sogar einen ersten Prototypen für „Social TV“ entwickelt, bei dem eine Smart-TV-Anwendung den TV-Stream zu zwei Dritteln zeigte und jeweils das verbleibende Drittel nur zur Darstellung der Hashtag-Diskussionen in Twitter oder auf der vordefinierten Facebook-Seite nutzte. Die Bedienung blieb aufgrund der Fernbedienung immer herausfordernd, so dass ein Nutzer wesentlich schneller auf dem Smartphone oder Tablet kommunizieren konnte, als dass mit den Ziffern 0-9 eine Statusmeldung zum Live-Geschehen abgegeben werden konnte. Sei’s drum, wir haben uns alle weiter entwickelt – und solange die Mehrheit der Zuschauer keine einfach bedienbare Tastatur für ihren SmartTV anschließen kann, wird der First Screen bzw. Primary Screen auch langfristig nur zur Berieselung eingesetzt. Die Herausforderung an die Usability bei der Texteingabe am SmartTV und an das Frontend-Design der Apps bleibt also bestehen.

Heute hat sich Second Screen von der Grundidee nicht wesentlich weiterentwickelt, sondern nur in der Nutzung intensiviert. Die Nutzer tauschen sich immer häufiger auf Twitter oder Facebook aus, um beispielsweise den #Tatort, #ESC14 (Eurovision Song Contest 2014) oder eben den #AppFilm zu kommentieren und sich meinungsbildend über eine Sendung zu unterhalten. Darüber hinaus suchen wir nach Informationen über die Schauspieler oder Moderatoren in Google, schreiben ihre Gedanken zu einer Live-Sendung in einem Blogartikel auf oder versuchen bei „Wer wird Millionär“ oder beim jüngsten TV-Experiments „Quizduell“ die Lösungen zu finden.

Ein somit falscher Verzicht auf die digitale Kommunikation sowie auf die Integration von Twitter und Facebook wird vor allem die jungen Generationen kaum vom alten Medium im Wohnzimmer begeistern. Diese Komponenten fehlten leider vollends in der Begleit-App zum #Appfilm. Gerade die heranwachsenden Zuschauer weisen ein gänzlich anderes Verständnis von Interaktion und Kommunikation auf als wir mittlerweile alt eingefleischten Digital Natives und Digital Immigrants. Vor einiger Zeit wischte eines meiner Kinder mit einer Handbewegung nahezu in natürlicher Perfektion über den SmartTV und wollte den Inhalt wechseln. Ja, die Enttäuschung war schnell ersichtlich, dass auch nach mehrfachem Ausprobieren doch nur die Fernbedienung mit den komplizierten Knöpfen dafür dienen sollte. Am Tablet war der Wechsel der Programme bzw. Apps doch wesentlich einfacher.

Unsere TV-Gesellschaft befindet sich im digitalen Wandel. Weniger also die Berieselung auf der linearen TV-Ebene, sondern vielmehr die aktive Kommunikation untereinander und Informationssuche steht beim Second Screen im Vordergrund. Während die klassischen Medien ihre Hoheit über den Zuschauer verlieren, erfreut sich die digitale Infrastruktur an ungebremsten Zuspruch und Aufmerksamkeit. Die Bindung der Zuschauer an das lineare Programm oder direkt an die fortlaufende Sendung kann also nicht mit weiteren linearen Inhalten funktionieren, sondern braucht eine offensive Integration der gängigen Infrastrukturen bei einer Begleit-App, so dass die Kommunikation parallel und ohne App-Wechsel zurück zu Twitter oder Facebook ablaufen kann.

Vielleicht hilft im Grundgedanken also doch die Idee aus der Zeit von sevenload, einen Splitscreen als notwendige Kombination einzuführen? Der informations- und dialogorientierte Teil des Splitscreens darf jedoch nicht auf dem TV-Bildschirm stattfinden, sondern muss als eine echte Second Screen App anzubieten. Diese kann das TV-Programm aktiv unterstützen, indem es alle Kommunikationsstränge aus dem Social Web bündelt und punktiert, gerne linear vorgeplant und echte Zusatzinformationen wie Bonusinhalte bereit stellt. Dann kann die Einbindung der Zuschauer mithilfe der Verzahnung von First und Second Screen durchaus funktionieren. Ansonsten scheitert jedes TV-Experiment daran, dass der First Screen immer noch als Mittelpunkt im Wohnzimmer wahrgenommen wird, obwohl diese Rolle mittlerweile immer stärker durch die Infrastruktur von Social Media übernommen wird.

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. RT @MikeSchnoor: Habt ihr gestern mitgeschaut? Second Screen und Digitale Gefahr: #AppFilm im ZDF so interaktiv wie DVD-Bonusmaterial http:…

  2. RT @MikeSchnoor: Habt ihr gestern mitgeschaut? Second Screen und Digitale Gefahr: #AppFilm im ZDF so interaktiv wie DVD-Bonusmaterial http:…

  3. Hallo Mike!
    Ich denke du bist da etwas progressiv ;-)
    Der Fernseher wird IMHO weiterhin ein Lean-Back-Medium bleiben. Auch für die jüngere Generation. Die enge Verknüpfung zwischen 1st, 2nd und 3rd Screen, um sich an den Inhalten beteiligen zu müssen, ist eher ein Stressfaktor.
    Was die zurecht von dir benannte Hashtagigisierung während bestimmter Sendungen angeht: Dort sind die Träger weiterhin die Nachrichtenwerte wie Emotion, Prominenz oder Nähe.
    BG
    Nico

  4. @Nicolas, vielleicht lebe ich ja der Zeit voraus. Lineares TV ist ohne Frage ein Lean-Back-Medium, aber im Fall von Second Screen muss ich vehement widersprechen. Der Begriff „Stressfaktor“ mag zwar für alle Zuschauer gelten, die sich mit der Bedienung von Smartphones/Tablets bzw. Laptops nicht anfreunden können, aber für das Groß der digital affinen Nutzer, an die sich solche TV-Experimente letztlich wenden, um die Zielgruppenpotenziale zu (re)aktivieren, sollte der Einsatz von mobilen Endgeräten parallel zum linearen Lean-Back-Medium alias TV doch keine Hürde sein. :)

  5. Da fällt einem das Sich-Entspannen vor dem Fernseher aber bedeutend schwerer. Welche Zusatzfunktionen könnte mir die App auf dem Seconscreen denn bieten, damit ich mich vom Hauptgeschehen und somit auch vom Hauptfilm ablenken lasse?!

  6. @Sven, ich glaube nicht, dass Fernsehen als Entspannung taugt. Die vielen bunten Bilder reizen unseren Stimulus so intensiv, dass wir vielleicht schneller ermüden und auslaugen, also uns in den Schlaf zwanghaft einlullen lassen. Aber das mag jeder für sich entscheiden.

    Bezogen auf SecondScreen stelle ich fest, dass die Kommunikation über Twitter parallel zu einer TV-Livesendung definitiv interessante Sichtweisen und Dialoge mit anderen Zuschauern zu Tage bringt. Größter Faktor dabei bleibt für mich jedenfalls die Abwechslung von Information, Kommunikation und Unterhaltung. Meist befinde ich mich dabei als reiner Nutzer nur im Austausch mit meinen üblichen Kontakten. Wenn es aber wie von Dir skizziert um einen klassischen „Hauptfilm“ oder eine Show geht, die bereits abgedreht und final produziert wurde, hält sich die Kommunikation bei mir auch meist in Grenzen. Da kommt definitiv der Lean-Back-Faktor zum Vorschein – zumal wir sehr selten lineares TV anschalten und meist die Spielfilme oder Serien per DVD/BluRay abspielen, die wir ja im Idealfall auch ganz privat ohne großes Publikum ansehen. Beim SecondScreen-Szenario haben die Live-Sendungen das größte Potenzial, die Nutzer/Zuschauer einzubeziehen, z.B. bei #Wettendass, #DSDS, #ESC14, #GMNT, #LetsDance oder gerne auch bei Themensendungen wie das Frühstücksfernsehen, Ratgebersendungen oder generell Live-Produktionen.

    Spielfilme brauchen hohe Aufmerksamkeit, damit der Zuschauer das Geschehnis verfolgen kann. Nachrichten, Ratgeber oder Live-Shows benötigen wiederum weniger Aufmerksamkeit, da wir die Informationen mit unseren Ohren wahrnehmen können, so dass unsere Augen dem SecondScreen zuwandern können. :)

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