Zum Start der deutschen HuffingtonPost

Für die deutsche Ausgabe der HuffingtonPost wurde in den vergangenen Wochen ein gewaltiger Erwartungsdruck aufgebaut. Reload, Refresh, Enter gedrückt. Nicht ganz um 10.10 Uhr war das Portal von der Passwortschutz befreit. Erst einige Minuten später öffnet sich endlich die deutsche HuffingtonPost. Eine erster Kommentar.

Der heutige Start markiert für die Journalisten im Prinzip nichts außer den Start eines weiteren Nachrichtenportals. Kein harter Konkurrent, kein Aufkeimen des Bürgerjournalismus. Ausgewählte Autoren steuern Inhalte bei. Den Aufmacher machen Merkel und Gabriel, umrandet von großflächigen Werbebannern. Der erste Eindruck lässt boulevardeskes Treiben, um Aufmerksamkeit ringende Sensationslust und polarisierende Meinungen vermischen. Namen, Menschen, Bilder scheinen rund 2.700 Menschen bei Facebook und wiederum über 3.000 Nutzern bei Twitter zu gefallen.

Kategorisiert wird die HuffingtonPost nach den Ressorts Politik, Wirtschaft, dann irgendetwas Gutes („Good“), Unterhaltung („Entertainment“), Lebensstil („Lifestyle“), Technologie („Tech“) und Bewegtbild („Video“). Besonders die Rubrik „Good“ entfaltet eine irritierende Wirkung ohne offensichtliche Aussagekraft, nur wenige Artikel in den prägnanteren Ressorts erwecken Interesse. Klar, viele der dortigen Nachrichten sind der Leserschaft aus anderen Quellen bekannt.

Apropos Leser: Zumindest lebt die Seite den Community-Gedanken extensiv und kombiniert alle erdenklichen Bewertungs-, Kommentar- und Weiterleitungsfunktionen zu jedem Artikel. Verwoben mit eigenen Präsenzen in den bekanntesten Social Networks lädt vor allem online-affine Nutzer zum Jubeln ein. Jeder Artikel und Beitrag kann redistribuiert werden, um die Reichweite und Aufmerksamkeit für die Autoren und den Betreiber zu steigern.

Wer spendiert der frisch gestarteten Seite ein vernünftiges Design, dass journalistische Arbeit mit gestalterischer Ästhetik und gelungener Benutzerführung kombiniert? Die überfrachtete Machart mit ewigem Scrollen, plakativer Bildsprache und dreispaltigem Layout gleicht der US-Seite über Kimme und Korn. Doch welche US-Seite ist denn gemeint? Die echte HuffingtonPost natürlich. Nur der Zugriff auf das alte Angebot für deutsche Nutzer scheinbar nicht mehr möglich, denn eine restriktive Umleitung verweist pauschal von huffingtonpost.com auf huffingtonpost.de. Für Fans des US-Portals ein definitives Manko, zumal auf den ersten Blick eine einfache Deaktivierung durch den Nutzer kaum möglich erscheint. Die Schaltfläche für die Wahl der „Edition“ ist leider sehr klein ausgefallen.

huffpo

Interessant wirkt der Kommentar von Arianna Huffington, der Gründerin und Namensgeberin des Nachrichtenwiederverwertungskommentierportals. Sie proklamiert den Deutschland-Start und wirbt noch einmal extensiv für das neue Angebot. Ihrer Meinung nach impliziere eine Phase der Veränderung den Aufbruch in der deutschen Medienlandschaft. Zugegeben, das ist eine Binsenweisheit und wirklich keinesfalls neu. Gerade wir Deutschen haben erfahren müssen, dass das Bloggen nur für wenige Protagonisten mit Erfolg gekrönt ist. Die Medienhäuser und Verlage sahen schon immer Blogs kritisch. Jedoch ist die grundsätzliche Annahme schlichtweg falsch, dass Bloggen und damit das möglichst freie Veröffentlichen von Meinungen in unserem Land durchaus relativ wenig verbreitet sei.

Das Kernproblem der deutschen Blogosphäre liegt darin, dass viele Menschen eher Blogs konsumieren. Dies bestätigen zahlreiche Studien zur Mediennutzung. Das Schreiben fällt vielen ungleich schwerer. Unsere hohen Bedenken und Sorgen rund um Datenschutz, Privatsphäre und der gravierenden Unfähigkeit, sich gegen etablierte Medienhäuser zu behaupten sowie den Konsens von Arbeit und Freizeit im Sinne der Work-Life-Balance zu finden, halten die lebendige Netzkultur in ihrer Evolution auf. Blogs wachsen gering, eine Refinanzierung ist nur bei reichweitenstarken Blogs durch Werbung oder Spenden möglich. Der kleine Autor verpufft mit seinen meist guten meinungsstarken Positionen.

Hinzu kommt die hohe Verunsicherung der Bevölkerung durch starre Gesetzesauslegung und einer damit einhergehenden Abmahnkultur. Ein falsche Behauptung und die Unterlassungserklärung schwadroniert den Briefkasten. Angst hält vor der Veröffentlichung ab. Aus Sicht der USA betrachtet lebt sich dort die Meinungsfreiheit und -äußerung weitaus einfacher für den einfachen Schreiberling. Denn selbst bei der totalen Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste ist die Offenbarung des einzelnen Bloggers weitaus erlebbarer als in unserem Land. Die digitale Lebenswelt klafft aufgrund der Rahmenbedingungen weit auseinander.

Natürlich bedeutet diese Ausgangssituation für einen Konzern, zu dem ich die HuffingtonPost in Kombination mit dem deutschen Sparringpartner Hubert Burda Media zähle, selbstredend ein großes Wachstumspotenzial. Der „mediale Hybrid“ wird selbst nach seinem Starttermin seinem eigenen Anspruch nicht gerecht: Eine „Kombination aus journalistischem Kanal und einer starken Blogger-Plattform“ sollte nicht mit Prominenten werben müssen, um sein Leistungsspektrum in den Vordergrund zu stellen. Die HuffingtonPost wird in Deutschland nicht die breite Akzeptanz finden, wie das US-amerikanische Vorbild. Anstatt mit den wenigen Bloggern zu werben, werden die Gastbeiträge und Kolumnen der bekannteren Gesichter aus Politik, Wirtschaft, Sport und Medien beworben. Diese Gastautoren sieht man leider an jeder Ecke und durch andere Medien getrieben.

Die Blogger selbst werden nicht bezahlt. Wer einmal schreibt, den stört dies nicht. Doch regelmäßige Autoren können von Ruhm und Aufmerksamkeit nicht satt werden. Dabei steht es um die Betreiber gar nicht so schlecht, wie ein beispielhafter Blick in die Konzernzahlen verrät. Selbst ein Zählpixel der VG-Wort lies sich nicht identifizieren, obwohl dies gerade bei honorarfreien Autorenschaften das Mindestmaß an Monetarisierung bei besonders auf Reichweite ausgelegten Portalen bedeutet. Als denkbare Alternative kommt Flattr in Frage, aber dieses Honorationsmodell kommt den Autoren nicht zu gute. Schade, aber zu unserer Lebenswelt gehört es, mit der Arbeit Geld zu verdienen. Das ist unser Zeitgeist. Ich wünsche den Machern und den Autoren der HuffingtonPost zumindest viel Erfolg!

Nachtrag: Wie schön, dass „The Huffington Postillon“ spontan Fahrt aufnimmt.
postillon

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. „Für Fans des US-Portals ein definitives Manko, zumal auf den ersten Blick eine einfache Deaktivierung durch den Nutzer kaum möglich erscheint.“

    Oben auf „Edition“ klicken und dann das gewünschte Land auswählen (Oder gleich über http://www.huffingtonpost.com/?country=US aufrufen).

  2. „Das Kernproblem der deutschen Blogosphäre liegt darin, dass viele Menschen eher Blogs konsumieren. (…) Das Schreiben fällt vielen ungleich schwerer.“

    Teilweise richtig.
    Das Kernproblem ist wohl eher, dass es den Deutschen am Verständnis der Relevanz eines Weblogs mangelt, und sich die Frage nach dem „Warum und worüber soll ich bloggen?“ stellt. Vielleicht sollte man dazu mal ein „Erfolgsblog“ mit Leuten aufsetzen, die bloggend von ihrer Leidenschaft zum Geschichten erzählen, daraus entstandenen Kontakten und hilfreichen Erkenntnissen fürs Leben berichten.

    Hilft das? Ich glaube: Ja.

  3. Ich frage mich außerdem, wieso die deutsche Ausgabe „The Huffington Post“ heißt, während sie in Frankreich „Le Huffington Post“, in Spanien „El Huffington Post“ und in Italien „L’Huffington Post“ heißt? In den Artikeln der deutschsprachigen Seite ist schließlich auch immer von „Die Huffington Post“ die Rede.

    Wer ist auch auf die Idee gekommen, eine Navigationskategorie „Good“ zu nennen?

    Die Huffington Post scheint nicht verstanden werden zu wollen.

  4. Pingback: Medien-Woche 41/2013: Huffington Post & Geld verdienen | kommunikationsABC.de

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.